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Jochen Distelmeyer

Apocalypse Now


Ich muß noch mal auf das Apocalypse Now-Ding zurück, weil es wirklich
so vorkommt: 36 Drehtage waren vorgesehen, aber es ging weit darüber
hinaus, 200 Tage dazwischen, zwei Monate Zwangspause wegen
Finanzierungsschwierigkeiten, und nahm kein Ende, weniger die Arbeit,
das ist lediglich die Oberfläche, wenn der Tag ein Oben und ein Unten
hat, und die Nacht ... bla bla bla, das ist privater Kram ... sondern
das was darunterliegt, nämlich eine Bewegung, durch eine Art
Dschungel, wie auch bei dem Antibodies-Bild (Evergreen), also
jedenfalls geht es da durch, es fängt irgendwie mit Hubschraubern an,
wie bei Short Cuts, oder ein Flugzeug, wie bei Fearless, scheintot,
Lichtzwang über This Is The End, ist man schon darüber hinausgeraten,
ein toter Punkt, also ist man unsterblich wie Jeff Bridges, und es
gibt kein Ende mehr, wie bei Apocalypse Now, da haben die Zeitungen
auch immer geschrieben: Apocalypse When?, und Martin Sheen geht da
auch durch, eine endlose Apokalypse soll den killen, der dafür
verantwortlich gemacht wird, ein Ende bereiten, und er sieht, wie
sinnlos alles ist, macht machtlos auch, das sagt auch Marlon Brando,
daß das, was er tut, gar keine Ursache oder Quelle hat, total leer
wie Coppola selber, der alles verschlingt, die Zeit, alle Leute, die
da mitmachen, ganz zuerst seine Frau, und das alles weiß er und
verschlingt auch das Wissen darum und verdaut es, wie wenn er Martin
Sheen an dessen Geburtstag die Szene spielen läßt, die er vorher
geträumt hat, in der Martin Sheen als Martin Sheen um den Spiegel
tanzt, betrunken, sich eitel anguckt, umdreht und merkt, daß er
wirklich Willard ist, den er gespielt hat, und dann total besoffen
durchdreht, weil er sich sieht, und Coppola auch die ganze Zeit zu
ihm sagt: Was ist mit deiner Frau, Martin? Denk an deine Frau! Denk
an deinen Wagen!, und Sheen eine Nacht später einen Herzinfarkt hat
im Schlaf, und Coppola redet auf eine der heimlich von seiner Frau
gemachten Tonbandaufnahmen davon, daß ihm das egal ist, daß er will,
daß Sheen bis zum Ende drehen soll, ob er nun stirbt oder nicht, und
das kann er nur sagen, weil er das alles gefressen hat, und er Sheen
ist, und weil er Brando und Hopper auch ist, weil das alles ein und
dieselbe Person ist, so funktioniert die Geschichte, das ist es,
wonach Willard, Sheen, Hopper, Coppola sucht, nach dem Ende, dem
frühesten Bild, nach dem Anfang der Leere, der Grenze, und das ist
die reinste Erfindung, daß das ginge, oder: das geht ja nur als
Erfindung, bis alles im Kasten ist, noch finsterer als der Film
selbst über das Herz der Finsternis ist der Kinosaal, in dem
Apocalypse Now ist. Das ist total widerlich und ich hasse Coppola für
diese widerwärtige Anmaßung, mit der er an seine beschissene
Selbstreinigung glaubt, obwohl er es selbst besser weiß, daß er nur
sich selbst zerstört, als Objekt für die Anderen, sich seine
Unsterblichkeit so sichert. Noch nicht an dem Punkt, an dem man
nichts sagen könnte, wie Harry Rag: Filme, Bücher, Platten, Tuning
und Soundcheck, das will ich doch gar nicht wirklich, also wie bei
Harry Rag: Ich werde alles abschaffen - und dann schafft er alles ab
und sagt klar am Ende, was das heißt: Ich werde mich vernichten und
mit Gedanken ein Grab errichten, wobei man gar nichts gegen den
ganzen Kram hat, man schon weiß, daß alles ok ist, aber es handelt
sich dabei nur um ein kognitives Wissen, der Körper wird davon nicht
wirklich berührt. Insofern stehen diese ganzen Sachen - die Harry Rag
nicht wegen ihrer selbst, sondern, weil sie nur verlängerte
Funktionsweisen von ihm sind, abschaffen will, aber nur in der
Funktion, in einem Zustand von Leere, die für sich ja auch ganz ok
ist - dafür, aus Spannungs- und Beziehungslosigkeit Spannung und
Beziehung herzustellen, als Schutz vor der Erfahrung von Leere zu
schützen, was ja auch ein Denkfehler ist. Es ist eher die
Funktionsweise, nicht ihre Bestandteile, die für den Größenwahn steht
bei Apocalypse Now, oder bei Baudelaires Konstruktion des Artisten,
oder bei der Idee vom Staat als: sich selbst im Schönen, im
Unendlichen zu heilen, das ist der wahnsinnige Akt der Revolte, zu
dem der Sadist sich hinreißen läßt, oder eben, wie es mir vorkommt,
bei L'état et moi. Also ist es diese Funktionsweise von Kontrolle,
Herrschaft, als entfremdete Form von Differenzierung, mit der von
jetzt beispielsweise mir alles verschlungen wird, ohne Vorstellung
von dem Schmerz, den man allen zufügt, der dadurch zugefügt wird, daß
alle Formen der Sachen, der Distanzierung, Idealisierung von allem,
was außerhalb von einem da ist, den Dingen und den Sachen, aber eben
vor allem von Menschen, die eh nur als verdinglichte Objekte gesehen
werden können, nur dazu dienen, eine Spannung, eine Machtbeziehung
herzustellen, die einem anders gar nicht vorstellbar scheint, man
hatte ja als Ex-Nichts oder Ex-Mensch mit was drumrum alles drumrum
verschlungen, die ganze Welt, ist ja nichts geworden dadurch.
Vermutlich fängt mit der Leere alles an, wenn man die wirklich
begreift, also sich selbst potentiell begreift, dann entsteht auch
die Vorstellung davon, daß das, was außerhalb von einem ist, eben
nicht nur leer ist, sondern das Gegenteil von einem selbst, und
daraus entsteht ja exakt die Spannung, von der man glaubt, daß sie
gar nicht da sei. Zum Beispiel Nietzsche fällt mir ein, wenn der
sagt, daß man die reale Welt dadurch um ihren realen Wert betrogen
hat, indem man eine ideale Welt erlog, was ja auch eine Form von
Unterwerfung bildlich ist, und to face, face me, das sagt Jeff
Bridges am Ende von Fearless zu seiner Frau, zu der er keine
Beziehung mehr hatte, stattdessen zu einer Frau aus dem Flugzeug, die
ihn verläßt. In der Faszination gibt es keine Beziehung, und: bis an
die Grenzen der Faszination gehen. Also auch wie Apocalypse Now und
Coppola, die einzige Weise, mit der Theorie etwas Reales zu
produzieren, besteht darin, an der Übertragungsfiktion bis ans
äußerste festzuhalten, das ist der Versuch, den er mit dem Film
unternommen hat. Ich muß die ganze Zeit an Dracula denken, weil das
aussieht wie eine Wiederholung, serial, nur daß er diesmal begriffen
hat, daß er diesen Begriff von Leere nur mit jemand anderem zusammen
hinkriegt, einem Du, das von außen kommt ... das halt Wynona Ryder
ist, die dann nicht sich ihrem Opferstatus hingibt, sondern sagt:
Hey, mach schon, beiß zu!, wo er sich noch windet, also eine ganz
moderne Auffassung von Dracula ... obwohl mir jetzt einfällt, daß
schon bei Apocalypse Now ein Du da war, mindestens aber Hopper, zählt
nicht so richtig, auch wenn er als Clown, Amiphotograph ein
ziemlicher Fremdkörper war, hat Coppola ihn total schnell integrieren
können, so daß nur Brando übrigbleibt, der Coppola total schockiert
hat, als er ihm gestand, daß er nicht, wie Coppola ihn gebeten hatte,
das Herz der Finsternis gelesen hat ... diesen Joseph Conrad-Roman
... damit hatte Coppola nicht gerechnet, und Kurt Cobain, In Utero,
der hatte das auch versucht, die Simulation einer Rückführung zum
frühesten Bild, und Brian de Palmas Calytos Way ... und ein paar Tage
später hatte der sich halt selbst umgebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt
hatte ich nur von diesem Selbstmordversuch und dieser Schallplatte
gehört, und das war ziemlich merkwürdig, das ein paar Tage vorher so
aufgeschrieben zu haben, alles ziemlich wirr, und auf einmal siehst
du das, neben deiner Arbeit, die du machst, alles Wirklichkeit werden
...


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